6. April 2025
Ausstellung „Prinzessinnen und Heilige“ von Justyna Koeke im Allgemeinen Konsumverein
Draußen vor dem Konsumverein stehen die Mandelbäume in voller, zartrosa Blütenpracht. Drinnen geht es bunt, üppig und lustvoll zu: Skulpturale Kostüme aus Tüll, mit aufgenähten Schläuchen, Schnüren und Blumen in Gritzegrün, Zitronengelb, Pink, Lila, Knallrot und Türkisblau hängen von der Decke herab. Über ihnen schweben gewaltige Kopfbedeckungen. Durch ein System von miteinander verbundenen Schnüren kann das gesamte Ensemble in sanftes Schaukeln versetzt werden.
Geschaffen wurden die Kostüme von der Künstlerin Justyna Koeke. Sie wurde 1976 in Krakau in eine Künstlerfamilie hineingeboren und studierte Bildhauerei in Krakau, Warschau, Nürnberg und Stuttgart. An der Kunstakademie Stuttgart lehrt sie seit 2006 als Dozentin in den Fachbereichen Textile Medien und Performance. Vor etlichen Jahren musste sie ihr Elternhaus in Krakau ausräumen und entdeckte dabei einen Stapel Kinderzeichnungen von sich selbst und ihren zwei Schwestern. Die kleinen Mädchen hatten darauf hingebungsvoll ihre weiblichen Ideale zu Papier gebracht, Prinzessinnen und Heilige, in phantasievollen Kleidern, Schleiern und Hauben. Nach diesen Zeichnungen hat Koeke die Kostümskulpturen angefertigt und zwar möglichst detailgenau. Ein wesentliches Moment ihrer Arbeit „Prinzessinnen und Heilige“ ist der performative Aspekt: Mit den Skulptur gewordenen Kindheitsträumen hat Koeke „Modenschauen“ veranstaltet, bei denen die die Kostüme von alten Damen vorgeführt wurden, die zum Teil schon im Seniorenheim lebten. Kindliches und Alter wurden so kreativ und humorvoll aufeinander bezogen. Die Seniorinnen als Models bürsteten die Konventionen gegen den Strich und erlebten in ihrer ungewohnten Rolle eine ganz neue Sichtbarkeit.
Justyna Koeke zu ihrer Arbeit: „Zur Gestaltung meiner Performances benutze ich als Materialien vorwiegend Textilien und den menschlichen Körper. Meine Formensprache stützt sich auf die Bildwelt des Karnevalismus und der Groteske. Ich entwickle tragbare Skulpturen, dabei benutze ich Verkleidung als Mittel der künstlerischen Kommunikation mit der Gesellschaft, den Körper als laufende Galerie – als Träger des künstlerischen Inhaltes.“ Die Künstlerin beschäftigt sich emanzipatorisch mit den Rollen der Frau und dem weiblichen Körper, sie versteht sich auch als Aktivistin. Aktuell engagiert sie sich gegen die Ausbeutung durch Prostitution und für einen positiven Umgang mit Sexualität. Bei der Eröffnung ihrer Ausstellung führte sie kraftvoll und energiegeladen ihre „Blumengymnastik“ vor: Sie balancierte, einen Magnolienzweig quer im Mund, auf einem Seil, pflückte Perlhyazinthen mit den Zehen und stemmte Blumenkübel als Hanteln, dass die Blüten und Blätter nur so durch den Raum flogen. (Bis 1. Mai, Allgemeiner Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2, Öffnungszeiten: Donnerstag 18.00 bis 22.00 Uhr, Samstag und Sonntag von 14.00 bis 18.00 Uhr)